OTK

So schön langsam hat sich das jetzt herumgesprochen, dass es da anscheinend was Beobachtenswertes gibt. Im 16ten nämlich. Wie man jetzt weiß, wird in der Ottakringerstraße ("Wiens gefährlichste Straße", weiß heute) nämlich nicht nur geschossen, sondern auch ordentlich gefeiert. Auf Bierbänken wird palettenweise billiges Bier und andere Saftln verkauft, der Beamer auf der Telefonzelle wird von einem Dieselaggregat betrieben. Nur die alte Eisverkäuferin jammert ein bisserl, weil sie trotz der vielen Leute weniger verkauft als sonst. Wie's denn wohl den Eisverkäufern in anderen Straßen geht, fragt sie. Die Lokale am Yppenplatz haben derweil die Gäste schon heimgeschickt, weil täglich um elf der Gastgarten dicht sein muss, sonst gibt es Probleme mit den Anrainern. Während's der Kellner sagt, steigen ein Haus weiter in der Ottakringerstraße die ersten Feuerwerksraketen auf, eine Schlange aus hupenden Autos schiebt sich vorbei und ein Einsatzhubschrauber der Polizei schraubt lauthals tief über den Häusern. Soll heißen den Dieselaggregat hört man inzwischen nicht mehr und fragt sich, wo der Beamer seinen Strom her hat.

Seit gestern haben auch die Medien Wind von der Balkanmeile bekommen. Am Yppenplatz steht rt1.tv mit zwei Übertragungswagen und hat eine Kabelautobahn ins Kent verlegt. Der ORF hat ein paar einsame wackere Reporterritter von der Küniglburg aus hergeschickt. Um Mitternacht sind vorm Kent endlich alle Scheinwerfer so weit und ein Interview kann beginnen. Etwas unbeholfen wirkt das ganze. Weil sonst ist man ja nicht unbedingt in dieser Gegend. Könnte ja gefährlich werden. Ein paar Tage vorher hat man sich ja noch nicht selber hergetraut und als erstes nach Schlußpfiff des Türkei-Spiels nicht über Fussball gesprochen, sondern auf sicherem Gebiet vor dem Rathaus einen Polizisten im Interview gefragt, ob man sich jetzt denn auf dem Heimweg fürchten muss.

Jetzt hat man sich vorgewagt und ist auf der Suche nach dem Geist der Ottakringerstraße. Was ist das Besondere hier? Eigentlich nix. Und das macht es schon wieder zu etwas Besonderem. Wenn der Wirt vom Café International eigenhändig einen besoffenen Bobo aus dem Lokal schmeisst. Wenn die Motorradmechaniker zwischen Dharamsala und Noi über die Tschuschen schimpfen. Wenn dich der Typ vorm Admiral zuerst um zwei und dann um zwanzig Euro anpumpt. Wenn die Maurer beim McDonald's Thaliastraße frühstücken gehen. Wenn du einen Gasanzünder kaufst, der wie eine Winchester aussieht. Wenn du im Café Mis abwechselnd Kaffee und Bier trinkst, um rauf und runter zu kommen. Wenn dich Freunde vom Land anrufen, ob's dir eh gut geht, weil in der Ottakringerstraße jemand erschossen worden ist. Wenn Besoffene in ein thailändisches Lebensmittelgeschäft einfallen und sich über zu viele verschiedene Sorten Sojasauce lustig machen. Wenn zur Nationalratswahl plötzlich die alteing'sessenen Wiener im Steierjanker ausreiten. Wenn es nach Fisch, Brunze, Hundescheiße, Bierbrauerei und verbrannten Waffeln gleichzeitig riecht. Wenn du Jesus von Ottakring schaust und dir denkst, dass sich eh nichts verändert hat. Wenn du in der Videothek plötzlich vor einem Fleischregal stehst. Wenn dir der Hausmeister sagt, dass du nicht in den Keller darfst, weil der früher zu einer Metzgerei gehört hat und da besser niemand runter geht. Wenn das Haus nebenan brennt. Wenn die Punks gegenüber einziehen. Wenn die Bäckerei nie zusperrt. Wenn sich dir auf der Steinbruchwiese ein von der Stadt Wien bezahlter Grillmeister vorstellt. Wenn das Kent nicht mehr dein Lieblingstürke ist.

Und so weiter...

Wir sehen uns heute abend.



comments powered by Disqus