Pathologische Abstraktion

Die Fähigkeit zur Abstraktion ist ein wesentlicher Bestandteil dessen, was wir unter menschlicher Intelligenz verstehen. Wir sind in der Lage, die Welt, die wir wahrnehmen, gedanklich zu ordnen, zu kategorisieren. Grundsätzlich ist das ja eine nützliche Fähigkeit. Abstraktion in Form von Sprache ermöglicht uns Verständigung und in weiterer Folge jede Form von sozialer Interaktion und Kooperation, das die Neurobiologie (im Gegensatz zu Darwins Theorie der Überlegenheit des Stärkeren) als ein evolutionäres Grundmotiv sieht.

Durch gedankliche Kategorien und Hierarchien können wir die Welt einteilen und für uns verständlicher machen. Zum Beispiel als Wasser und Land. Oder Nahrung und Gift.

Wir neigen dazu, Kategorien möglichst klar voneinander abzugrenzen und Hierarchien von einem einzigen Ursprung aus zu sehen. Als pathologische Abstraktion bezeichne ich das Missverständnis, dass gedanklich klar abgegrenzte Kategorien und endliche Hierarchien auf die Realität, die Natur, das menschliche Zusammenleben übertragbar sind.

Die deutlichsten Ausprägungen der pathologischen Abstraktion mit ihren gravierenden, krankhaften, selbstzerstörerischen Auswirkungen sind Religion und Staat.

Der Irrtum der Religion ist, dass die rein abstrakte, gedankliche Ordnung einer Hierarchie am oberen Ende tatsächlich und real an einem einzelnen Punkt endet, nämlich als Gott.

Der Irrtum des Staats ist, dass die rein abstrakte, gedankliche Ordnung von Kategorien tatsächlich und real als trennscharfe Linie zwischen den Kategorien existiert, nämlich als Staatsgrenze.



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