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edited by Walter Rafelsberger

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Verbrechen

Ist wieder einmal Zeit fuer eine Polemik.

Fritzl ist das Grauen einer Generation, die sich selbst verbunkert hat. In den Kellern, die aus Angst vor dem grossen Knall im Kalten Krieg gebaut wurden, wurden gleich die Gedanken an eine noch schlimmere Vergangenheit mitbegraben. Ein Nachkriegsbiedermeier, in dem man sich nicht nur in die eigenen vier Waende, sondern gleich in den eigenen Keller zurueckzog. Der eiserne Vorhang fiel, der Bunker blieb. Platz zum Eisenbahnspielen, Tischtennisspielen, oder noch besser: Kellerbar. Beides, Traeume und Grauen, lebte man nicht an der Oberflaeche aus. Das Einfamilienhaus darueber stellt etwas anderes dar, naemlich das dazwischen: Die Normalitaet. Das Verbrechen im Geheimen ist auch ein Zeichen dieser Zeit. Und Fritzl ein Auslaeufer.

Der Columbine-Amoklauf und andere Verbrechen einer juengeren Generation zeichnen ein anderes Bild. Die Gewalt ist oeffentlich, sie wird mitunter medial angekuendigt, via CCTV oder mit Handys dokumentiert. Noch nicht live, aber das kommt noch. Computerspiele tragen nicht die "Schuld" an diesem Grauen, ihre Aesthetik findet sich nur in der Realitaet der Verbrechen wider, weil sie in der gesellschaftlichen Realitaet der Jugendlichen eine Rolle spielen. So wie der Bunker ein Teil der Realitaet unserer Eltern und Grosseltern war. Der Trugschluss und das Herstellen einer Kausalitaet bzw. das Finden des Schuldigen im Computerspiel ist freilich verfuehrerischer, weil Counterstrike einfach "lebendiger" ist als ein Keller. Beidem, Bunker und Counterstrike, ist Gewalt inhaerent.

Khalil Gibran habe ich an dieser Stelle schon zitiert.

So wie der Heilige und der Gerechte nicht ueber das Hoechste hinauswachsen koennen, das jeder von euch in sich birgt, Ebenso koennen der Boese und der Schwache nicht tiefer als das Niedrigste fallen, was ebenfalls in euch liegt.

Context


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Wissen kann man teilen Weisheit nicht
''"Wissen kann man teilen, Weisheit nicht."'', sagt Hesses Siddharta 1922 bzw. ein paar Jahrhunderte frueher, je nachdem.

Wir reden gern von der Wissensgesellschaft, vom lebenslangen Lernen. Leider Worthuelsen, die dazu missbraucht werden, von werten Mitarbeitern und Neuen Selbstaendigen unrealistische zeitliche und monetaere Flexibilitaet an den Tag zu legen. Lebenslanges Lernen ist Selbstausbeutung. Es ist fachliches/technisches/praktisches Wissen, das die Leistungsgesellschaft einfordert. Nachdenken unerwuenscht. Und weiter bzgl. dieser begriffsredefinierten Rhetorik: Einen "Lehrplan" vermutet man eher hinter dem eisernen Vorhang, und wovon entfernt sich eigentlich eine "Fortbildung"?

Hesses Siddharta schwoert den Lehrern ab und geht selbst (also autodidakt) auf Entdeckungsreise. Das kennen wir auch woanders: Scriptkiddies und Geeks, die sich "neues" Wissen selbst aneignen, weil ihre Lehrer mit diesem Tempo nicht folgen koennen.

Mit Siddharta bin ich dennoch nichts eins. Er vergisst naemlich eines: Den Guru. Buddha selbst wird nachgesagt, er habe nach seiner Erleuchtung gemeint: "Das laesst sich nicht lehren..." Und dennoch macht er sich auf und gibt seine Erfahrungen weiter. Und zwar nicht an Auserwaehlte im sektischen Sinn, sondern an jene, die an der Kippe zur Erleuchtung stehen und denen ein Lehrer/Guru den noetigen Schubs geben kann, um genau den Schritt, den sie vielleicht nicht alleine wagen, setzen zu koennen. So kann der Schueler weitergehen und wird vielleicht selbst zum Lehrer. Das hat nichts mit esoterischem Network-Marketing zu tun. Denn der Guru/Lehrer stellt keine Bedingungen, er laesst dich einfach gehen.

Kommen wir zurueck auf den Boden westlicher Denkschulen. Die Leistungsgesellschaft hat ein Problem mit Bildung im humanistischen Sinn. Schon allein die Diskussion um die Abschaffung von Latein im Unterricht ist ein Missverstaendnis. Denn das Problem ist gar nicht, zu bestimmen, ob diese Art von "altem" Wissen noch gebraucht wird. Weil es gar nicht um "Wissen" geht. Es geht darum, kritische, denkfaehige, ja letztendlich weise Menschen zu erziehen. Die Rolle des Lehrers kann dabei nicht sein, Wissen offiziersgleich frontal einzuhaemmern, sondern im Sinne des Gurus Wege aufzuzeigen. Und wenn er nur einer Taschenlampe gleich die naechsten Schritte ausleuchtet.

Ohne jetzt zu verschwoererisch klingen zu wollen, aber das Predigen von lebenslangem Lernen im Sinne der Leistungs- und Wissengesellschaft spielt natuerlich den Maechtigen gekonnt in die Haende. Denn die technische Qualifikation eine Bombe (oder eine Ueberwachungskamera, oder ein e-Voting-System) "bauen" zu koennen ohne mir Gedanken z.b. ueber deren "Risiken", Kollateralschaeden u.ae. machen zu koennen, laesst sich freilich praktisch ausnutzen. Wobei man immer aufpassen muss, dass man Weisheit nicht mit Moral verwechselt. Womit wir bei der Religion waeren. Dazu mehr ein andermal.




Owner: Walter Last edited on October 2, 2009 13:53 by Walter / Views: 507


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