Siehe Teil 1 und 2. Übrigens leben ISPs noch immer in dem Glauben, der technische Fortschritt (=Bandbreitenerhöhung) laufe dem Content (=Traffic) davon. Das Produzieren von Content durch ISPs hat also nicht nur mit Monopolstreben zu tun, sondern ganz einfach mit der Angst, die Investition in erhöhte Bandbreitenkapazität würde sich wegen Inhaltemangels nicht rechnen. Phantasielosigkeit, die sich rächt: Entweder die Investition erfolgt nicht oder zusätzlich wird Geld in genauso phantasielos selbst produzierten Content gesteckt anstatt sich auf Kernkompetenzen zu konzentrieren. Das ist übrigens nicht empirisch belegt.
Vorher. Weiter im Text: Compuserve, MSN und andere Gehversuche in den 90ern mögen auf den ersten Blick in die Richtung dieser Zugang+Content-Provider gehen. Ähnlich die Walled Gardens der Mobilfunkbetreiber. Warum Sie scheiterten? Das Konzept beruhte darauf, dass sie glaubten, von vorneherein aus der Verschränkung von Zugang und Content einen Vorteil ziehen zu können. Sie verhielten sich wie Monopole, die keine waren, außer in ihrer eigenen Welt. Die Konsumenten konnten ausbrechen, weil es eine Alternative gab: ISPs beschränkten sich auf die Zurverfügungstellung des Zugangs zu nicht von ihnen bestimmten Content (=Internet), auch wenn sie das wie die Telekom u.a. zu Beginn eher nebenbei anboten und die User in Wahrheit genauso auf dem eigenen Portal halten wollten (wobei Portal=Tor also so gesehen von vorneherein Unsinn). Ich schweife ab.
Im Gegensatz zu den vorher Erwähnten entstand mediaprint umgekehrt, die jetzige Medienkonzentration ging aus einer vorher bestehenden (ansatzweisen) Vielfalt durch Akquisitionen hervor. D.h. schrittweise ging vom Zeitungskäufer unbemerkt die Bandbreite an Meinungen verloren, ein Trugbild von Vielfalt bleibt durch Marken erhalten. Der Zeitungsständer an der Kassa deiner Lieblings-Gourmet-Spar-Filiale gaukelt dir eine Auswahl vor, die du nicht hast. In Wahrheit hast du keine Wahl mehr. Das mediaprint-Zeitungsregal ist der fleischgewordene, monopolistische Content-Distributionskanal, ein After, das Pressemeldungen ausscheidet.
internet revolution mediaprint distribution upc facebook cia isp Alexander Kluge
Comments
Permalink
Views: 598
Komme nach langem wieder dazu, Kluges "Die Lücke, die der Teufel lässt" weiterzulesen. Ich musste damals damit aufhören, weil die Geschichten so sehr dazu verleiten, sie zu glauben. Jetzt sehe ich das anders. Was geschrieben ist, existiert, d.h. was Kluge schreibt, ist wahr. Glauben brauch man es deswegen nicht. Dadurch geht es mir jetzt besser.
Beim Lesen über die Geschichten von Sicherheitskonferenzen und die Revolution dachte ich an Facebook und die CIA, Internetprovider und Überwachungsstaat und Zensur. Folgendes Szenario (staatliche Eingriffe im positiven wie negativen Sinn einmal nicht mitgedacht): Was, wenn ein Äquivalent zum Inhalt+Distributionsmonopol der mediaprint im Online-Bereich entsteht? Auf Österreich bezogen: Was, wenn mediaprint UPC (Internetprovider=Onlinedistribution) kaufen würde? Dürften die das? Gibt's das schon wo (man müsste jetzt nachschauen, was Murdoch und Burda so treiben, aber ich hab grad keine Zeit)? Fortsetzung.
| . | ORF.at | Heute |
|---|---|---|
| Headline | "Festnahmen nach eskalierter Serben-Demo" | "Serben-Schlacht mitten in Wien" |
| "Demonstranten" | Tausende | 5000 |
| "Gewaltbereite Demonstranten" | Rund 100 | Hunderte |
| Festnahmen | 6 | Dutzende |
Weitere Revolverblätter kamen mir heute vormittag in der U nicht in die Hände. Bei der Stimmung am Gürtel gestern kam man sich dann doch etwas verloren vor.
google social graph api twitter rhizome navigation infovis graph social network processing.org
Comments (2)
Permalink
Views: 1201
Did some experiments with Google's Social Graph API and Twitter. Images were done with Rhizome Navigation. The graph shows mutual relationships between 200 people (with my account in the center). The background is darker in areas where people are more connected.
![]()
Twitter Rasterfahndung ©
Letzte Woche Freitag war ich am Art and Cartography Symposium. Ich würde sagen, man kann den Versuch, eine Veranstaltung dieser Art umzusetzen, nicht hoch genug einschätzen. Wegweisend geradezu. Die Vorträge zeigten aber auch deutlich, dass es ein steiniger Weg ist. Es ist nicht leicht für einen Experten, dem Tunnelblick zu entkommen. Schon ein leichtes Schielen in eine andere Richtung kann schmerzvoll sein. Dagegen verstehen wir es gut, uns einzuordnen und zu schubladisieren. Hierarchie und Ordnung. Umso schöner die interdisplizinären Gehversuche und Blicke über den Tellerrand bei Art and Cartography. Im Laufe der ersten Session, sprich den Keynotes, kam mir folgender Gedanke.
Technik will beherrscht werden, Kunst verstanden.
Klischeehaft, vereinfacht ausgedrückt ist Technik im Maskulinen, Kunst im Weiblichen verhaftet (oder natürlich umgekehrt: das Männliche hat das technische Feld besetzt, das Weibliche das der Künste). Die eher verzweifelten Kunstdefinitionsversuche der Redner aus dem Reich der Technik wirkten in diesem Sinne wie Travestieeinlagen (beispielsweise die Reduktion des Kunstbegriffs auf Landschaftsmalerei bis ins neunzehnte Jahrhundert), wenn nicht Vergewaltigungsversuche (wie die zwar bewußt provokante, aber doch tatsächliche Verneinung des künstlerischen Potenzials der Kartographie). Kein Wunder, wenn in Folge die Kunst in Person von Antje Lehn abgehoben erschien und möglicherweise unverstanden blieb.
Um weiter die Analogie der Geschlechterrollen zu bemühen: Eröffnet wurde das Symposium von älteren Herren, Vaterfiguren der Kartographie (die sich wie gesagt peinlich um eine Kunstdefinition bemühten). Erst anschließend (oder in Bezug auf die erste Session: abschließend) kam die Kunst selbst zu Wort. In diesem Sinne hätte ich das Symposium eher Art after Cartography genannt.
Genug geschimpft. Im laufe des Tages ließen Vater Technik und Mutter Kunst ihre Kinder spielen. Das eine hatte mehr vom Vater, das andere mehr von der Mutter - Buben und Mädchen. Doch die interessantesten Geschwister waren Zwitter. Und es ist gut, dass diese Nachkommen nicht mehr als unzeigbare Missgeburten gelten, sondern selbst in der Auslage stehen. Bleibt zu hoffen, dass sie fähig sind, sich fortzupflanzen!
Owner: Walter Last edited on February 4, 2008 10:15 by Walter / Views: 4531



